| Nov 01, 2012 |
Neue Ordnung in der Quantenwelt
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(Nanowerk News) Sowohl Graphit als auch Diamant bestehen ausschlieĂlich aus Kohlenstoffatomen. Der kleine aber feine Unterschied zwischen beiden Materialien ist die geometrische Anordnung ihrer Bausteine, mit weitreichenden Folgen fĂŒr ihre Eigenschaften. Undenkbar, dass ein Stoff beides, d.h. Graphit und Diamant, gleichzeitig sein kann. Doch fĂŒr Quantenmaterie gilt diese EinschrĂ€nkung nicht, wie jetzt ein Team aus der Abteilung Quanten-Vielteilchensysteme von Prof. Immanuel Bloch (Max-Planck-Institut fĂŒr Quantenoptik und Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen) bei Experimenten mit ultrakalten Quantengasen zeigen konnte. Mit Hilfe von Laserstrahlen erreichten die Wissenschaftler, dass sich einzelne Atome zu Strukturen mit einer definierten Geometrie anordneten (Nature: "Observation of spatially ordered structures in a two-dimensional Rydberg gas"). Doch im Unterschied zu klassischen Kristallen existieren dabei alle möglichen geometrischen Konfigurationen gleichzeitig, Ă€hnlich wie sich Schrödingers Katze in einer Ăberlagerung aus den beiden ZustĂ€nden "tot" und "lebendig" befindet. Voraussetzung dafĂŒr war, dass sich die Atome in einem hoch angeregten sogenannten Rydberg-Zustand befanden.
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| Abb. 1: Illustration einer Anordnung von fĂŒnf Rydberg-Atomen. GrĂŒn: Atome im Grundzustand, Rot: angeregte Rydberg-Atome, Violett: EinflusssphĂ€re der Rydberg-Atome. (Bild: MPQ)
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"Solche Rydberg-Gase bergen das Potential, exotische MateriezustĂ€nde zu realisieren und zum Beispiel magnetische Quantenphasen zu simulieren", betont Prof. Immanuel Bloch. UnterstĂŒtzt wurden die experimentellen Arbeiten durch theoretische Modelle, die von einer Gruppe um Dr. Thomas Pohl (Max-Planck-Institut fĂŒr die Physik komplexer Systeme, Dresden) entwickelt wurden.
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Im Experiment wird zunĂ€chst eine Wolke aus einigen hundert Rubidiumatomen auf Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt abgekĂŒhlt und in einer Lichtfalle eingefangen. Dieser Gaswolke wird ein periodisches Lichtfeld â ein sogenanntes optisches Gitter â so ĂŒberlagert, dass die Atome im zentralen Bereich der Falle sehr gleichmĂ€Ăig verteilt sind. Dann werden die Gasatome mit Laserlicht zu einem Ăbergang in einen Rydberg-Zustand angeregt, in dem das Ă€uĂerste HĂŒllenelektron extrem weit vom Atomkern entfernt ist. Dadurch blĂ€ht sich die EinflusssphĂ€re des Atoms wie ein Ballon um etwa das Zehntausendfache auf und erreicht einen vergleichsweise "riesigen" Durchmesser von mehreren Mikrometern â dies entspricht in etwa einem Zehntel des Durchmessers eines durchschnittlichen Haares. Zwischen diesen "Superatomen" treten nun KrĂ€fte entsprechend groĂer Reichweite auf, sogenannte van der Waals-KrĂ€fte.
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Die Rydberg-ZustĂ€nde sind dabei so ausgewĂ€hlt, dass die van der Waals-KrĂ€fte abstoĂend wirken. Daher mĂŒssen die angeregten Atome einen Mindestabstand von einigen Mikrometern einhalten. Diese gegenseitige Blockade fĂŒhrt zu rĂ€umlichen Korrelationen der Teilchen, so dass sich, je nach Zahl der Rydberg-Atome, ganz unterschiedliche Geometrien ausbilden können (siehe Abb. 1).
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"Wir mĂŒssen uns aber klar machen, dass in unserem angeregten System alle geometrischen Ordnungen gleichzeitig vorliegen. Genauer gesagt, handelt es sich dabei um eine kohĂ€rente Ăberlagerung der einzelnen AnregungszustĂ€nde", erklĂ€rt Dr. Marc Cheneau, Wissenschaftler am Experiment. "Dieser neue Materiezustand ist ein Ă€uĂerst zerbrechliches, kristallĂ€hnliches Gebilde; er existiert nur, solange die Anregung mit Laserstrahlen aufrechterhalten wird und vergeht, sobald der Strahl abgeschaltet wird."
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| Abb. 2: Unterschiedliche geometrische Konfigurationen der verschiedenen AnregungszustĂ€nde. a) Einzelne SchnappschĂŒsse von AnregungszustĂ€nden mit unterschiedlich vielen Rydberg-Atomen. b) Messergebnisse nach der Gruppierung einer Vielzahl von Einzelbildern gemÀà der Zahl der angeregten Rydberg-Atome. c) Ergebnisse der numerischen Rechnungen. (Bild: MPQ)
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Sobald das System jedoch beobachtet wird, zerfĂ€llt die Ăberlagerung in einen spezifischen Anregungszustand, mit einer bestimmten Zahl von Rydberg-Atomen in einer bestimmten geometrischen Anordnung (auch dies wieder analog zu dem Beispiel von Schrödingers Katze, die, wenn man nachschaut, entweder tot oder lebendig anzutreffen ist). In einer Serie von "SchnappschĂŒssen" können die Wissenschaftler die jeweiligen AnregungszustĂ€nde sichtbar machen. Sie verwenden dabei eine Technik, bei der einzelne Atome mit sehr hoher rĂ€umlicher Auflösung ĂŒber das von ihnen ausgesandte Fluoreszenzlicht direkt mikroskopisch ab-gebildet werden.
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"Wir beobachten, dass sich Strukturen herausbilden, deren rĂ€umliche Orientierung zufĂ€llig ist, die aber eine definierte Geometrie besitzen", erklĂ€rt Peter SchauĂ, der an diesem Experiment im Rahmen seiner Doktorarbeit forscht. Um die verschiedenen Struk-turen eindeutig erkennen zu können, werden die Bilder nach der Zahl der angeregten Rydberg-Atome gruppiert. Wie in Abb. 2 zu sehen ist, ordnen sich drei Atome zu gleichseitigen Dreiecken an, vier Atome zu Vierecken, fĂŒnf Atome zu FĂŒnfecken. Numerische Simulationsrechnungen aus der Gruppe von Dr. Thomas Pohl geben diese Resultate gut wieder.
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Was die Ergebnisse fĂŒr die einzelnen AnregungszustĂ€nde betrifft, lassen sich die Beobachtungen noch klassisch interpretieren. "Um das quantenphysikalische Verhalten unseres Systems aufzudecken, haben wir die zeitliche AbhĂ€ngigkeit der Wahrscheinlichkeiten fĂŒr die einzelnen, durch eine unterschiedliche Zahl von Rydberg-Atomen charakterisierten AnregungszustĂ€nde untersucht", erlĂ€utert Peter SchauĂ. "Dabei konnten wir feststellen, dass die Dynamik des Anregungsprozesses zehnmal schneller ist als in klassischen Systemen ohne Blockadeeffekte. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass wir es in der Tat mit kohĂ€renten QuantenzustĂ€nden zu tun haben, die eine Ăberlagerung aus verschiedenen, rĂ€umlich geordneten Konfigurationen darstellen."
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In naher Zukunft wollen sich die Wissenschaftler der Herausforderung stellen, gezielt Rydberg-Kristalle mit einer fest definierten Anzahl von angeregten Atomen herzustellen. Die Technik der Adressierung einzelner Atome lieĂe sich in Verbindung mit dem oben erwĂ€hnten Blockadeeffekt dazu nutzen, Quantengatter zu entwickeln, auf deren Basis Quantensimulationen fĂŒr eine Vielzahl von Fragestellungen möglich wĂ€ren. Mehrere Rydberg-Atome lieĂen sich auch zu einem skalierbaren System fĂŒr Quanteninformationsverarbeitung vernetzen.
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